Meine Kindheit in Franzensberg
Fritz Voss
1933 pachtete mein Vater, Walter Voss das Bauerngehöft Franzensberg. Er brauchte im ersten Jahr keine Pacht zu bezahlen, da der Acker sehr heruntergewirtschaftet und von Unkraut überwuchert war. Zusammen mit seiner fleißigen Frau Emma brachte er Acker- und Viehwirtschaft wieder auf einen guten Stand. Sie pflügten die Erde, säten Samen und hüteten das Vieh, während die Sonne über den Hügeln auf- und unterging.
Meine ältere Schwester Anna wurde 1935 geboren, ich erblickte 1936 das Licht der Welt und meine jüngere Schwester Ilse 1937. Wir verlebten unsere Kindheit auf dem Bauernhof Franzensberg. In früheren Zeiten war es ein einsam gelegenes landesherrschaftliches Forsthaus gewesen, welches auf drei Seiten der Wald umgab. Zur offenen Seite hin erstreckten sich weite Felder über sanfte Hügel, die bis zum Horizont reichten.
Nach Hagensruhm und Ludwigsdorf zu Opa, Onkel Ernst und Onkel Heini fuhren wir mit der Kutsche oder dem Pferdeschlitten. Nachts auf dem Heimweg war es für uns schaurig schön, wenn der Wald sich in Dunkelheit hüllte und die Sterne über uns funkelten. Aber wir waren eingepackt und behütet, und die Pferde haben immer den Weg nach Hause gefunden.
Doch die Abgeschiedenheit hatte ihren Preis. Für den Einkauf mussten wir in die Stadt nach Neukalen fahren. Im Winter schneiten wir oft ein.
Auf dem Dachboden des Hauses hatte mein Vater einen großen Wasserbehälter einbauen lassen, der mittelst einer Dieselmotorpumpe aus dem Brunnen gefüllt werden konnte. So hatten wir im Haus fließendes Wasser.
Als die Schulzeit begann, fuhren wir täglich mit dem Bus nach Malchin. Tante Maria war unsere Anlaufstelle. Die vielen Menschen waren ein ganz neues Erlebnis für uns. Zum Kriegsende 1945 fuhr der Bus nicht mehr, weil er anderweitig gebraucht wurde. Da gingen wir nach Schlakendorf in die einklassige Dorfschule. Nun lernten wir auch die Nachbarkinder kennen, die unterwegs zu uns stießen. Eine Stunde liefen wir jeden Morgen durch Wald und Feld zur Schule und nachmittags wieder zurück. Da haben wir oft furchtbar getrödelt und kamen manchmal eine Stunde zu spät, weil wir auf der Wiese die Rehe oder den Fuchs beobachtet hatten, im Wald den Abhang runtergerutscht waren, im Laub oder im Winter im Schnee. Im Winter, wenn der Schnee die Welt in ein stilles Weiß tauchte, kamen wir oft pitschnass zurück, weil wir Schneeschanzen gemessen oder uns Höhlen gebaut hatten.
Nur an den stillen Waldsee trauten wir uns nicht heran, weil darin einmal eine Kutsche mit Mann und Maus untergegangen sein soll. So wurde es uns erzählt.
Unsere kleine Schwester, 1943 geboren, war unser aller Sonnenschein. Wir verhätschelten und verwöhnten sie.
Wir hatten eine schöne Kindheit, eine heile Welt! Was draußen in der Welt geschah: Hitler, Partei, Krieg, Bomben, wir hörten davon, aber es berührte uns nicht. Wir lebten in einem Kindertraum! Der parkähnliche Obstgarten mit Hühnern, Enten, Gänsen und Puten war unser Spielplatz. Die Äste der alten Eiche (ca. 400 Jahre) schaukelten uns in den Himmel, Veilchen blühten am Bach, und sonntags machten wir einen Spaziergang nach Hagensruhm. Auf dem zugefrorenen Teich liefen wir Schlittschuh und rodelten über die Koppel. Der Storch thronte majestätisch auf dem Dach, Mutti erzählte uns Märchen am Kachelofen, die Petroleumlampe flackerte über dem Abendbrottisch und Bratkartoffeln mit Speck schmeckten nach Geborgenheit. Opa und mein Vater schlachteten die Schweine. Onkel Fritz kam als Weihnachtsmann zu uns. Einmal hatten wir Kinder die Masern und mußten im Bett bleiben, aber bald tobten wir weiter durch die Tage.
Bis dann das Erwachen kam. Zuerst waren es die Bomben. 1945 fiel eine Brandbombe durch das Scheunendach, welche aber zum Glück erlosch. Freunde und Bekannte flüchteten aus der Stadt zu uns auf den Hof. 60 Personen schliefen bei uns und wurden verpflegt.
Die Russen kamen, und die Angst legte sich über das Land; es gab Plünderungen, Vergewaltigungen, die Kühe wurden weggetrieben, die polnischen Arbeitskräfte verschwanden mit unseren Pferden und Wagen.
Im Dezember 1945 zogen wir nach Mühlheim, woher meine Mutter stammte. Eine neue Zeit begann, und die heile Welt unserer Kindheit verblasste, wie die Spuren im Schnee, die der Wind verwischte.
Von links: Ilse Gertrud Luise Voss, geb. 26.8.1937, gest. 12.6.1948; Emma Luise Voss, geb. Tübben, geb. 22.3.1907, gest. 17.12.1984; Inge Emma Voss, geb. 16.5.1943; Anna Elisabeth Voss, geb. 10.2.1935, gest. 7.4.2019; Fritz Walter Ernst Heinrich Voss, geb. 2.6.1936; Walter August Otto Voss, geb. 11.12.1905, gest. 21.5.1989.

Emma Voss mit ihren Kindern, um 1946.

Fritz Voss, der Autor dieses Beitrages, besuchte vom 20.4. bis 2.5.2024 das Waldschulheim Franzensberg - die Stätte seiner Kindheit.









